Emder SynodeOtto Waalkes; Foto: Harald Bischoff

Friedrich Hölderlin hat mit dem „Nabel dieser Erde“ Frankfurt, nicht Emden gemeint. Im Beitrag von Bender/Graßl wird jedoch auf eine weitgespannte Wirkungsgeschichte Emdens hingewiesen, die eine ähnliche Bezeichnung für die ostfriesische Stadt rechtfertigt. In der Frühen Neuzeit wird sie „Genf des Nordens“ genannt. Emden ist damals ein Zentrum des innerprotestantischen Dialogs; es nimmt die verfolgten Anhänger Calvins aus Frankreich und den Niederlanden auf; 1571 findet die Emder Synode statt, in der die Abgeordneten eine Kirchenordnung nach den Prinzipien der Subsidiarität zum Schutz von Selbstverantwortung und Selbstständigkeit ihrer im Untergrund existierenden Gemeinden beschließen; wenig später betätigt sich im Stadtrat der Staats- und Rechtstheoretiker Johannes Althusius und überarbeitet seine „Politica“, ein Klassiker des Föderalismus bis heute.

Bender/Graßl skizzieren davon ausgehend Einflüsse auf die amerikanische Verfassungsgeschichte und über die ambivalente preußische Linie auf das Wilhelminische Kaiserreich. In der deutschen Nachkriegsgeschichte, insbesondere in der Ausarbeitung des Grundgesetzes, zeigen die Autoren, dass Subsidiarität und Föderalismus als zentrale Ideen für die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat betrachtet werden, um eine freiheitliche Gesellschaft zu entwickeln und Totalitarismus zu verhindern. Die Wiedervereinigung kommt auf föderalem Weg zustande, als Beitritt der „neuen Länder“ zur Bundesrepublik. Auch die Europäische Union wird als föderales und subsidiäres Projekt gegründet. In dieser Wirkungsgeschichte Emdens, vermittelt über viele Verzweigungen, geht es um die Bewahrung der Rechte auf Selbstbestimmung und Selbstverantwortung von kleineren Gemeinschaften gegenüber der Fremdherrschaft durch Anmaßung übergreifender Organisationsmacht.

Zu Emden, das mit der wunderbaren Johannes a Lasco-Bibliothek seine protestantisch-obrigkeitskritische Tradition pflegt, passt ein widerspenstig-rebellischer Typ wie der Komiker Otto. Da schließt sich der Zusammenhang zu Frankfurt, haben doch die Humoristen der zweiten Frankfurter Schule fleißig für den Ehrenbürger Emdens viele Witze geschrieben.


Im Folgenden finden Sie den Text von Bender/Graßl als PDF:

»Frühe Wurzeln des föderalen Verfassungsstaats – Die Emder Synode von 1571 und der Geist des reformierten Protestantismus«

Impulse auf dem umkämpften Weg der Staatenbildung in Europa zu einer föderal-subsidiären Gewaltenteilung im wiedervereinten Deutschland«

Eine Meisterleistung!

4./5./6. Juni: „70 Jahre. Hamburg feiert sein Grundgesetz. Die Landesverfassung der Hansestadt hat am Montag Geburtstag. Ein Magazin würdigt es“ – Leserbrief an das Hamburger Abendblatt

Historisch betrachtet ist es missverständlich, den Begriff Grundgesetz auf eine Länderverfassung anzuwenden. Max Brauer, Bürgermeister auf der Grundlage der „vorläufigen Verfassung der Hansestadt Hamburg“ (1946), schlug ihn als eine pragmatisch-kreative Kompromissformel im Juli 1948 vor. Sie entsprach zugleich dem Drängen der West-Alliierten auf Ausarbeitung einer Länder übergreifenden Rechtsordnung und dem Bedenken der Länderchefs, mit einer Verfassung die drohende Spaltung Deutschland voranzutreiben. Zwischen August 1948 und Mai 1949 wurde daher das Grundgesetz zunächst als vorläufiger Verfassungstext auf Herrenchiemsee vorbereitet und dann im Parlamentarischen Rat, der aus 65 von elf Länderparlamenten gewählten Abgeordneten bestand, ausgearbeitet und verabschiedet. Eine Meisterleistung! Das Grundgesetz erschien schon bald den Deutschen nicht mehr als Provisorium, sondern als ausformulierter Inbegriff ihrer gemeinsamen Identität, auch nach der Wiedervereinigung. Aus Hamburg waren Paul de Chapeaurouge (CDU) und der Bürgerschaftspräsident Adolf Schönfelder (SPD), Alters- und Vizepräsident im Rat, beteiligt. Nehmen diese Vorgänge und die verantwortlichen Akteure in der Hamburger Erinnerungskultur den ihnen gebührenden Platz ein? Nein! Ein „Platz des Grundgesetzes“ in der City könnte diese Lücke schließen.

„Tradition am Totensonntag“

Am 20. 11. 2021, 15.00 Uhr wurde im Literaturhaus in Kiel eine gerade veröffentlichte Anthologie mit Beiträgen vorgestellt. Daraus las ich meine kleine Erzählung „Tradition am Totensonntag“. In diesem Text erinnere ich mich an die in meiner Familie ausgeübte Tradition, am Totensonntag das Grab des Großvaters zu besuchen. Der Text endet mit meinem späten Entdecken und Erschrecken über das Schweigen der Verwandten, was eigentlich zu dem Ort der Grabstätte hätte mitgeteilt werden sollen.

Wer diesen Text verallgemeinernd interpretieren will, kann die Erzählung als Hinweis auf das Unbehagen der Nachkriegsgenerationen am Fortführen familiärer Traditionen verstehen.

Die Lesung wurde von NordBuch e.V. veranstaltet.

Leserbrief an die FAZ zum Artikel „Eine Last der Vernunft“ vom 6.10.2021

Wer sich mit Hegel beschäftigt, wird kritische Auseinandersetzungen mit seinem Werk, wie sie im Artikel gefordert werden, willkommen heißen. Für Generationen von Lesern und Leserinnen war die kritische Perspektive (etwa die des Linkshegelianers Karl Marx, des Neukantianismus im 19. und im 20. Jahrhundert, des kritischen Rationalismus, vor allem von Karl Popper, der Kritischen Theorie) der Grund zur Hegel-Lektüre. Hegel ermunterte die Kritiker, wenn er das Geschäft der Philosophie definiert als „ihre Zeit in Gedanken“ zu erfassen. Wer hätte aufgrund der rasanten Wissenschaftsentwicklung als später- und nachgeborenes Individuum nicht Kritisches anzumerken!

Allerdings beharrte Hegel darauf, dass Empörung und Gesinnung nur einen geringen Beitrag zur Wahrheit (im Sinne der Erweiterung von Erkenntnis) liefern, er forderte hingegen immer wieder Arbeit am Begriff, die Klärung der Voraussetzung der Argumentation und die „Rechtfertigung durch den Gedanken“. Auf diesem Anspruch beruht die Universität bis heute und es gehört nicht zur Praxis universitärer Forschung und Lehre Kritikwürdiges zu unterschlagen. Heldenverehrung, wie im Artikel unterstellt, ist dort eher unüblich. Die viele Kritik an Hegel (Totalitarist, Preußen-Apologet, Kopfsteher, Teleologe, Systemdenker etc.) hätte längst dazu geführt, dass sein Werk vom Lektüre-Plan verschwindet, wenn er nicht von dem allgemeinen, also auf alle bezogenen Begriff ausgegangen wäre, Menschen als geistige und damit zur Freiheit befähigte Wesen zu betrachten, die in der Geschichte – die Französische Revolution als Aufbruch und als Schrecken ist der Erfahrungskontext – zum Bewusstsein ihrer selbst gelangt sind und dadurch die vorgefundenen Verhältnisse historisch neu deuteten und veränderten. Aufgrund dieser Freiheitserfahrung mit der damit verknüpften Forderung nach objektiv geltenden Rechten in Staat und Gesellschaft wird rückblickend Geschichte als ein durch Sinn (Geist) gesteuerter Bildungsprozess deutbar, in welchem Menschen über ihre „bloße“ Natur (Doppelsinn: als körperliche und als ihrer Freiheit unbewusste Wesen) hinaus zu sich selbst finden. Dieser Prozess wiederholt und verbreitet sich und wird in jeder Generation erneut durchlaufen und vielerorts als Kampf gegen vorgegebene Lebensverhältnisse und deren Repräsentanten geführt. Vor diesem Hintergrund rechtfertigt Hegel weder Sklaverei noch Rassismus. Im Sinne eines Weiterdenkens mit Hegel gegen Hegel als gute hermeneutische Praxis werden wir hoffentlich künftig noch viel über andere Völker und – auch ein Ärgernis – über Frauen erfahren, Wesen, die Hegel mit Pflanzen vergleicht. Dennoch hat Hegel die Dialektik des schwierigen-schmerzhaften Kampfs um Anerkennung im Interesse ihrer Selbstbestimmung, zu dem sich immer wieder Individuen, Minderheiten, soziale Schichten, Gruppen, die ethnisch und religiös von Mehrheiten unterschieden sind oder wozu sich regional begrenzte Bevölkerungen veranlasst sehen, unübertroffen zutreffend analysiert.

Prof. Dr. Christiane Bender, Hamburg

Generation Französische Revolution

Kleiner Auszug aus meinem noch unveröffentlichten Manuskript im „Jahrbuch für politisches Denken“, 2021 zum Ausbleiben eines angemessenen Gedenkens an drei herausragende Geistesgrößen der Generation Französische Revolution.

„Das Jahr 2020 wird den Deutschen und mit ihnen einem großen Teil der Weltbevölkerung auf lange Zeit unvergessen sein. Die bedrohliche Atemwegserkrankung, ausgelöst durch das Virus SARS-CoV-2, hatte Deutschland erreicht und breitete sich pandemisch aus. Die Maßnahmen zur Krisenbekämpfung führten eine seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr dagewesene Einschränkung des individuellen und nahezu einen Stillstand des öffentlichen Lebens herbei. Kulturelle Veranstaltungen wurden abgesagt oder fanden digital, ohne anwesendes Publikum statt.

Dabei hätte das Jahr 2020 ein an Feierlichkeiten reiches Jahr zu Ehren der 250. Geburtstage von drei Ausnahmepersönlichkeiten, Hegel, Hölderlin und Beethoven, werden sollen, die mit ihren Werken ein unvergleichliches, weltweit rezipiertes und Traditionen stiftendes Erbe geschaffen haben. Ihre Hinterlassenschaft in Erinnerung zu rufen, zu würdigen und an nächste Generationen weiterzugeben, gehört zu den dringenden Aufgaben der Protagonisten unserer heutigen Wissensgesellschaft. … „Generation Französische Revolution“ weiterlesen

Leserbrief zu dem Artikel „Wie rassistisch sind wir?“ vom 25.01.2021 im Hamburger Abendblatt:

Diese Überschrift, die mit „wir“ nebulös möglicherweise alle HA-Leser oder Deutschen anspricht, empfinde ich respektlos und beleidigend. Beleidigend und ein Verstoß gegen die guten Sitten einer Redaktion ist, dass in der Frage bereits als Tatsache unterstellt wird, dass „wir“ rassistisch sind und nicht, ob „wir“ überhaupt rassistisch seien. Lediglich die Äußerungsformen, „wie“ rassistisch „wir“ sind, steht infrage. Rassistisch zu sein bedeutet in Deutschland, dass „wir“ nicht dem Grundgesetz, vor allem den Grundrechten des Art. 1- 3 und dem Diskriminierungsverbot in Art.3 (3) folgen und tendenziell zu strafbaren Handlungen (StGB§130) bereit sind. Dagegen verwahre ich mich. „Leserbrief zu dem Artikel „Wie rassistisch sind wir?“ vom 25.01.2021 im Hamburger Abendblatt:“ weiterlesen