Tradition am Totensonntag

In diesem Jahr hielten die sommerlichen Temperaturen lange vor. Aber im November kam, was kommen musste: Nebel, Nässe und die Kälte, die einen in die Häuser treibt. Die Tage wurden kürzer, die Blätter fielen. Am Totensonntag dachte ich daran, mit meinem Sohn zum Grab seiner Tante zu gehen. Oder morgens in die Kirche. Oder wenigstens abends in ein klassisches Konzert.

Aber nichts ging. Er wollte mit seinen Kumpels ins Kino gehen und ließ mich allein zuhause zurück. Ich hing trüben Gedanken nach. Hatte ich meinem Sohn keine Traditionen mit auf den Weg gegeben? Meine Kindheit in den 50er Jahren kam mir in den Sinn, als die Eltern im beginnenden Wirtschaftswunder angekommen waren und durch unumstößliches Befolgen der vermeintlich guten Traditionen ihr Leben wieder in Ordnung brachten. Wahrscheinlich stammte mein Bedürfnis, im November die Gräber der Familie aufzusuchen, aus dieser Zeit. Sie hatten mir keine Wahl gelassen, als sie Jahr für Jahr, am Totensonntag, zu dem Grab der Großeltern väterlicherseits zu begleiten. Damals starteten wir gleich nach dem Frühstück. In meiner Erinnerung wurde es an einem solchen Tag im November nicht richtig hell. Wir fuhren über dunkle nasse Straßen in den schon morgens düsteren Taunus hinein und überquerten den Sandplacken in Richtung Weil-Tal. Dort bogen wir in eine schmale Straße ein und stellten das Auto auf einem im Wald gelegenen Parkplatz ab.

Meistens mussten wir etwas warten, bis der Onkel und seine Frau aus Wetzlar in ihrem grüngestreift-zitronengelben DKW angefahren kamen. Nach der Begrüßungszeremonie klagte meine Mutter über ihre Mühen, mir ein sonntägliches Outfit anzulegen. Wie immer zeigte meine Tante kein Verständnis, weder für meine Mutter noch für mich, dafür aber der Onkel. Er kommentierte in etwa, dass man in Lackschuhen keine Rothäute erledigen könne und darauf käme es nun einmal für mich an. Solche oder ähnliche Äußerungen, immer wohlwollend und schmunzelnd vorgebracht, ließen mich dem Onkel nicht mehr von der Seite weichen. Er war ein großer, schwerer Mann, der, aufgrund einer frühen Krankheit, Kinderlähmung, gestützt auf einen Stock ging und das rechte Bein nachzog. Meine Mutter, sonst ließ sie an niemanden ein gutes Haar, lobte ihn, der von Beruf Richter war, und betonte seinen Gerechtigkeitssinn.

Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung. Mein Vater ging mit seiner üblichen ernsten Miene voran. Er trug die beiden Gestecke, ich folgte mit dem Onkel und in einigem Abstand kamen untergehakt Mutter und Tante hinterher. Sie erörterten ihre eleganten Garderoben, prüften wechselseitig die Qualität der neuen Hüte und Mäntel, auf die sie sehr stolz zu sein schienen, während für mich die Erwachsenen alle die gleichen schrecklich dunklen Gewänder trugen. Auf dem Waldweg zu den Gräbern konnte es mir schon mulmig werden. Durch den Mischwald fiel wenig Licht. Der feuchte Waldboden dampfte und roch nach Erde. Nur selten wich ich von unserem Pfad ab, um mir einen Ast zu besorgen oder weil ich ein aufgescheuchtes Tier vermutete.

Mein Onkel unterhielt mich den langen Weg mit Humor, ja Ironie. Das gefiel mir. Gelegentlich gaben die Bäume den Blick auf eine mir abweisend und riesig erscheinende Anlage von mehreren Gebäuden frei. Wenn man wollte und sehr genau hinschaute, konnte man sie den ganzen Weg bis zum Friedhof durch den Wald schimmern sehen. Ich vermied den Blick. Eine unheimliche Atmosphäre ging davon aus. Intuitiv spürte ich, dass es keine Wohnungen waren, wie sonst in meiner Welt üblich. Die Erwachsenen nannten den Komplex Irrenanstalt. Gruselig. Ich wusste, dass mein Großvater dort in der Verwaltung tätig gewesen war und mit seiner Familie in einem der Häuser bis zu seinem Tode gewohnt hatte. Mein Vater war also in einer Anstalt aufgewachsen!

Während der Kriegsjahre hatten sich meine Mutter und meine ältere Schwester beim Großvater in Sicherheit gebracht, um ohne größere Entbehrungen, ohne Hunger zu leiden und ohne Angst vor dem Bombardement der Alliierten zu überleben. Aber nichts zog mich in die Nähe der Gebäude und es gab auch keine Initiativen seitens der Eltern oder des Onkels, mir zu zeigen, wo sie damals gelebt und überlebt hatten. So sah ich die Anstalt immer nur im Hintergrund auf unserem Weg zum Friedhof, auf dem das Personal der Einrichtung beerdigt wurde.

Was wusste ich damals noch? Kranke Menschen hätten da gelebt. Kinder scheuen sich, über Krankheit nachzudenken. Das Thema erschien mir bedrohlich. Ich stellte keine weiteren Fragen, auch später nicht. Schließlich erreichten wir die Gräber. Unser Trupp pflanzte sich, betont andächtig, vor dem Grab der Großeltern auf, mein Vater lehnte die Gestecke sorgsam an den Grabstein, entfernte herabgefallenes Laub. Es wurde gemurmelt, vielleicht auch ein Gebet gesprochen. Unruhig tänzelte ich herum. Wie lange dauerte das noch? Ruckartig traten wir, wie wir gekommen waren, den Rückzug an, mein ernster Vater vorneweg, dann der Onkel und ich, die beiden Hausfrauen hinter uns. Mit der Vorfreude auf Kuchen, Sahne und Limonade, womit ich von Zuhause aus nicht eben verwöhnt war, stieg meine Laune. Der Anstalt widmete ich keinen Blick und die Erwachsenen erwähnten sie nicht. Am Parkplatz wieder angekommen, wurden sie richtig froh, ja heiter, sie hatten ihre Pflicht erfüllt.

Tatsächlich hatten sie mir nicht nur das Pflichtgefühl, sondern auch ein bis heute vorhaltendes Bedürfnis vermittelt, Gräber von nahestehenden Menschen aufzusuchen. Aber schon als Teenager ging ich eigene Wege. Nachdem ich aus der Zeitung erfahren hatte, dass der Onkel, die Respektsperson der Familie, der für mich eine so anziehende Kombination von Autorität und Humor ausstrahlte, als Richter am Volksgerichtshof zwei Menschen wegen Mundraubs zum Tode verurteilt hatte, konzentrierte ich mich darauf, eigene Regeln für mein Leben zu erfinden und mit den Vorbildern und Traditionen, die mir die Eltern überliefert hatten, ein für alle Mal zu brechen. Postulierte: Zurückblicken verboten!

An jenem Totensonntag jedoch, als ich allein zuhause war und Gedanken an früher nachhing, erlaubte ich mir, im Internet nach der Anstalt im Weil-Tal und dem Friedhof zu suchen. Nachdem ich einige Suchbegriffe eingegeben hatte, erschienen die Bilder auf dem Bildschirm. Sofort erkannte ich sie. Nach all` den Jahren sah ich wieder die wilhelminischen Gebäude mit den langen Fensterreihen vor mir. Dann entdeckte ich eine Zeichnung mit dem Friedhof für das Personal, wohin wir an den Totensonntagen meiner Kindheit gepilgert waren. Daneben war zu meiner Verwunderung ein weiterer Friedhof eingezeichnet. Ein Friedhof für Opfer! Welche Opfer? Ich ahnte Fürchterliches. Auf dem nächsten Bild erhielt ich Aufschluss. Es zeigte einen Gedenkstein mit der Inschrift:

»Von 1934–1939 wurden 278 Männer und Frauen zwangsweise sterilisiert. Seit 1937 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Kranken durch staatlich verordnete Sparmaßnahmen, was ab 1940 zu einem Massensterben führte. 1941 wurde die Anstalt als Durchgangsanstalt missbraucht: 735 Menschen aus der Anstalt Weilmünster und 1773 aus anderen Anstalten wurden nach Hadamar verlegt und dort getötet. Die jüdischen Patientinnen und Patienten wurden 1941 deportiert und an unbekanntem Ort ermordet. Das Schweigen ist durchbrochen. Wir gedenken der Opfer.«

Schockiert, ja fassungslos, las ich den Text wieder und wieder. Gingen wir damals auf einen Friedhof von Tätern? Mir graute. Aus dem Begleittext entnahm ich, dass in den 50er Jahren alle juristischen Verfahren gegen das Personal der Anstalt eingestellt wurden. Das war ungefähr die Zeit, als die Erwachsenen mit mir die Gräber der Großeltern aufsuchten. Ich rechnete nach. Der Großvater war schon in den dreißiger Jahren nicht mehr berufstätig gewesen. Wenigstens das nicht. Vater, Onkel, Mutter und Schwester lebten jedoch immer wieder an diesem Ort, der für sie mehr Sicherheit bot als anderswo, während an demselben Ort hilflose Menschen vernachlässigt, misshandelt, deportiert wurden. An einem Ort des Verbrechens, der Beihilfe zum Mord an vielen zutiefst unschuldigen Menschen. Waren meine Verwandten ahnungslos? Warum schwiegen sie all` die Jahre? Mit welchen Mördergruben in ihren Herzen gingen sie mit mir an den Totensonntagen meiner Kindheit zu den Gräbern, wollten sie Vorbild sein und mir die guten Traditionen vermitteln?

Ich kann ich sie heute nicht mehr fragen. Nach all’ den Jahren, in einem neuen Jahrhundert, sah ich mich durch einen Zufall, geboren aus Langeweile und Nachdenklichkeit, mit der Vergangenheit meiner Familie konfrontiert, die nicht wirklich vergangen, und die in mein Leben unerkannt hereingewachsen war. Nun endlich wurde das Schweigen auch für mich durchbrochen. Viele weitere Fragen, ja Vermutungen tauchten in mir auf, die sich nicht mehr beiseiteschieben ließen. Eine Suche nach Antworten, gemeinsam mit meinem Sohn, würde beginnen.